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Fot. Piotr Ligier

  



Das Betrachtungsgerät für Stereobilder — Photo­plastikon, wurde in Deutschland in der zweiten Hälfte der 19. Jahrhunderts erfunden.

Diese neue Erfindung wurde schnell populär, denn sie ermöglichte jedem sogar fernste Länder der Welt zu besuchen, und zwar zu einem mäßigen Eintritts­preis, ohne kostbare und riskante Reisen antreten zu müssen.
Die dreidimensionalen Bilder, mit speziellen zweiäugigen Kameras aufgenommen, zeigten eine verblüffende Illusion der Realität.

Das Zeitalter des Dampfes und der Eisenbahnen bescherte hiermit dem Durchschnitts­bürger eine Möglichkeit, ohne Zeit- und Raum­beschränkungen virtuellen Tourismus zu betreiben. Überall in der Welt entstanden Photo­plastikons (in Deutschland „Kaiserpanorama” genannt). Um die Jahrhundert­wende waren es bereits etwa 250 in ganz Europa.

Damals haben die Gebrüder Lumière in Paris das Kino — die „lebenden Bilder” gezeigt — eine attraktive Erfindung, die bald die Photo­plastikons verdrängte.

Die seltsamen, unpraktischen Trommeln der Photo­plastikons geraten immer mehr ins Vergessen. Die erste Nachricht über ein Photo­plastikon in Warschau erschien in der Zeitung „Kurier Warszawski” im Jahre 1901. Die Anlage in der Jerusalemer Allee 51 entstand um das Jahr 1905 und ist die einzige Anlage in der ganzen Welt, die in situ, also am ursprünglichen Ort, überdauerte.

Sie hat überdauert, weil sie in der schweren Kriegszeit den Leuten geholfen hat, die Unterdrückung durch die Nazis zu überleben. Sie diente den polnischen Widerstands­kämpfern als Kontaktstelle. Nach dem Kriegsende, schon im Jahre 1945, als Warschau in Ruinen lag, zeigte sie sonnige, friedliche Bilder aus den besseren Zeiten, gab Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

In den 50er und 60er Jahren bildete sie einen Schlitz im Eisernen Vorhang: hier konnte man sich ruhig treffen, hörte Jazzmusik und schaute sich Bilder aus London und Paris an.
Auch heute ist das Warschauer Photo­plastikon ein magischer Ort geblieben, wo sich reelle-unrelle Gestalten aus alten Bilder mit den Zuschauern treffen, die kommen, gehen, nach Jahren zurück kommen, um reelle-unrelle Erinnerungen, Eindrücke neu zu erleben.


In der Photoplastikon-Trommel

Es drehen sich Getriebe, es heben sich Stangen,
von einem Zahnrad auf das andere übertragen sie den Antrieb,
von gestrigen Tag immer weiter und weiter,
durch den Strom der Autos, durch rollende Straßenbahnen,

gleich lädt uns Herr Josef ein,
zur Wanderung die seit einem Jahrhundert
nur zwanzig Minuten dauert

Es drehen sich Getriebe, es heben sich Stangen,
von der Musik begleitet rollen die Bilder
das alles für Sie, liebe Zuschauer,
es dreht sich langsam die Riesentrommel,
wie das Weltall, in die vergangene Welt.

(Fragment)

  Foto2

Fot. Michal Sadowski

 

So hat das Photo­plastikon der Dichter Tadeusz Chudy gesehen.
Herr Josef — das war der im Jahre 1980 verstorbene Besitzer
des Photo­plastikons, Vater von Tadeusz.
Jetzt der Besitzer des Photo­plastikons ist Herr Thomas Chudy —
Sohn von Tadeusz, Enkel von Josef.

 
 
Offen täglich (ausser Montags): 10.00 - 18.00
 



Anschrift: Al. Jerozolimskie 51, PL-00-697 Warszawa (im Hinterhof rechts)
 
Die Renovierung des Photo­plastikons wurde von Paul und Ludwig Orthwein ausgeführt.

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